Wieder beste Aussichten
Parma - Cervarezza

Obwohl ich mir den Wecker nicht gestellt habe, wache ich aus reiner Routine schon um acht Uhr am Morgen auf (was relativ spät für mich ist) und begebe mich zum Platzwart um zu fragen, ob ich noch eine weitere Nacht bleiben kann. Die Antwort ist ernüchternd: „Nein, das können Sie nicht. Schließlich haben Sie gestern gesagt, dass sie nur eine Nacht bleiben wollen. Da können Sie nicht heute ankommen...“. Ich bin etwas irritiert, glaube kaum, was ich da höre, und muss sehr verwundert aussehen.

„Also gibt es keinen Platz mehr? Kann ich nicht in der angeschlossenen Herberge bleiben?“

„Nein, die Herberge ist voll.“

Da bin ich anscheinend an einen richtigen Prinzipienreiter geraten und so muss ich mich beeilen, da es durch das Ausschlafen bereits recht spät geworden ist. Um wenigstens ohne Probleme aus der Stadt zu kommen, frage ich ein Rentnerehepaar aus Deutschland, welches auch hier auf dem Campingplatz ist. Ob sie vielleicht einen Stadtplan für mich hätten, auf den ich mal einen Blick werfen dürfte? Wir kommen dabei noch kurz ins Gespräch, und die beiden bestätigen mir, dass der ältere Platzwart wohl etwas seltsam sei. Denn gestern habe er zwei Motorradfahrer einfach nicht auf den Platz gelassen, und das, obwohl dieser fast leer war.

Nach Abschied und dem Einkauf in einem winzigen Alimentari (Lebensmittelladen), finde ich ohne Probleme den Weg aus der Stadt, werde aber von einem Platten am Vorderrad heimgesucht, wodurch ich schon wieder Zeit verliere und daher beschließe meine heutige Route abzuändern. Die ursprüngliche Planung sah heute noch eine Querung des Apennin vor, nun werde ich mich aus Zeitmangel nur bis zum Campingplatz begeben, der fünfzehn Kilometer vom Pass entfernt ist. Für das Reststück, was dann am morgigen Tag nicht mehr zu schaffen sein wird, beschließe ich die Bahn zu nehmen.

Endlich wieder in den Bergen

Nach Parma beginnt die Landschaft bereits hügeliger zu werden und in Traversetolo folge ich auf kleinen Straßen einem Flusstal. Mit Blick auf die teilweise recht kahlen Hügel frühstücke ich und bin wieder vollends motiviert. Daher fällt auch die Auffahrt zum „Sella di Lodrignano“, der mein Flusstal mit dem nächstgrößeren verbindet, nicht besonders schwer. Nach der Abfahrt über die teilweise recht schlechten Straßen geht es lange und stärker bergauf. Um die große Hauptstraße zu umgehen, auf der ich recht starken Verkehr vermute, nehme ich eine winzige Nebenstraße, die zunächst um einige hundert Höhenmeter abfällt um dann mit bis zu 10 Prozent über fast zehn Kilometer anzusteigen. An den Dörfern und Häusern hier erkennt man auch, wie arm die Bevölkerung in den Bergregionen noch ist. Größtenteils von Viehwirtschaft, Acker- und Weinbau lebt man hier. Plötzlich ist meine Straße gesperrt, da sie um einige Meter abgesackt ist. Doch es gibt eine Umleitung, wie ich von einer Frau, die in ihrem Garten sitzt, nach meinem Fragen hin, erfahre. Scheinbar froh, jemanden zum Reden gefunden zu haben, erzählt sie mir mit ihrem starken italienischen Dialekt alles Mögliche, was ich eigentlich gar nicht wissen will.

Verkommene Bergdörfer Blick zurück in Richtung Poebene

Von der Umleitung werde ich jedoch in die Knie gezwungen. Mit 18% Steigung muss ich das erste Mal auf dieser Tour an einem Berg absteigen und schieben. Nach einigen weiteren Kilometern Anstieg gelange ich wieder auf die große Straße, von der vor einigen Stunden abgefahren war.

Trotz des starken Windes und der Eiseskälte hier oben, die mich sogar zwingt meine Jacke anzuziehen, bleibe ich stehen um den Blick aus über 1000 Metern Höhe über die zerklüftete Landschaft zu genießen.

Die sehr freundliche Angestellte auf der Campingplatz, der nur wenige Kilometer weiter entfernt liegt, zeigt mir nach einem kurzen Gespräch auf einem Plan, wo ich mein Zelt aufstellen soll. Bis dahin geht es aber über den gesamten Campingplatz. Und die Straße, zunächst noch Asphalt, dann loser Schotter, steigt mit mindestens 18% an.

„Das ist doch kein Problem, wo sie doch schon über die Alpen gekommen sind”, lacht die Angestellte und ich schmunzele, Böses denkend, zurück. Spätestens beim Schotter muss ich bei diesen Steigungen aufgeben und schiebe nach oben.

Nach der Dusche will ich eigentlich in der Pizzeria des Campingplatzes essen gehen, diese hat aber gerade diese Woche geschlossen. So schmeiße ich dann doch meinen Campingkocher an und lege mich danach todmüde ins Bett.